Monat: Mai 2018

Paul Reizin: „Wahrscheinlich ist es Liebe“

 

Paul Reizin
Wunderraum Verlag
23,00€

 

 

 

Jen ist traurig. Aiden möchte, dass sie wieder glücklich ist. Klingt nett, aber nicht gerade spektakulär? Dann sollte man hinzufügen, dass Jen eine Frau Mitte dreißig ist, die gerade sitzen gelassen wurde, und Aiden ein hoch entwickeltes Computerprogramm, das gerade von Jen trainiert wird. Nach Aidens Berechnungen fehlt Jen zur Erreichung des optimalen Wohlbefindens einfach nur der richtige Mann. Und da Aiden via Internet Zugang zum Weltmännerpool hat, kann es doch nicht so schwer sein, ein passendes Exemplar mit Jen zusammenzubringen. Wenn sich die menschlichen Probanden bloß nicht so ungeschickt anstellen würden! (Klappentext)

Die Götter im Computer-Olymp spielen mit dem Schicksal der Menschen.

Der Einstieg in die Geschichte gelingt leider nicht so leicht, wie man es sich in Anbetracht des romantischen Themas vorgestellt hat. Im ersten Kapitel geht es um Jen und Aiden. Jen arbeitet als Journalistin, wurde von ihrem Freund abserviert und hegt einen ziemlich dringlichen Kinderwunsch. Aiden ist eine KI, künstliche Intelligenz, dessen Fähigkeiten zur menschlichen Kommunikation von Jen in einem Labor getestet werden. Im Endeffekt bedeutet das, dass die beiden sich unterhalten, zusammen Filme schauen, sich über Bücher unterhalten usw. Für Jen ist Aiden aber schon längst nicht mehr ‚bloß‘ eine Maschine, und auch Aiden hat so etwas wie ein eigenes Bewusstsein entwickelt.

Was weder Jen noch die ganzen superschlauen Techniknerds im Labor wissen, Aiden hat sich Zugang zum World Wide Web verschafft und beginnt in die wirkliche Welt einzugreifen. Auf jedes Gerät, das über einen Internetzugang verfügt, kann Aiden zugreifen, Handys, Überwachungskameras, PCs. Zum einen quält er mit bitterbösen – und unglaublich witzigen – Einfällen Jens Ex und macht ihm das Leben schwer. Zum anderen sucht er den perfekten Mann für Jen und führt die ein oder andere ‚zufällige‘ Begegnung mit einem vermeintlich passenden Exemplar herbei.

Aidens Kommentare und seine Sicht der Dinge lesen sich humorvoll, doch gerade die weibliche Hauptfigur Jen wirkt sehr dröge und wenig authentisch. Durch die wechselnden Perspektiven erhält der Leser zwar Einblicke in die verschiedenen Charaktere, ich persönlich hatte aber starke Schwierigkeiten zwischen den einzelnen Figuren zu unterscheiden, da sie häufig das gleiche sagen oder ähnlich denken. Auch Tom, der männliche Gegenpart zu Jen, wirkte zu Beginn schwach und platt. Nach der Hälfte des Buches wird die Handlung glücklicherweise etwas flotter und die Figuren gewinnen an etwas mehr Konturen.

Gut gefallen haben mir die KIs, auch wenn ihre Fähigkeiten uns zu überwachen und zu beeinflussen ein bisschen Besorgnis erregend sind. Die ganze Thematik und Figurenkonstellation, auch viele Grundideen und Dialoge im Roman fand ich richtig klasse, sie hätten stellenweise aber noch ein bisschen pointierter herausgearbeitet sein können. Insgesamt würde ich den Roman als romantische Liebeskomödie bezeichnen. Die beiden KIs, Aiden und Aisling, versuchen zwei Menschen zu verkuppeln, bis eine dritte, feindselig eingestellte KI ihnen dazwischenfunkt und uns Menschen zeigt, wie abhängig wir vom World Wide Web sind – und letztendlich wie ausgeliefert wir sind. Es ist seichte, spaßige, wenn auch manchmal ein bisschen zähe Unterhaltung mit Happy End.

Ich bedanke mich beim Blogger-Portal für dieses liebevoll gestaltete Rezensionsexemplar!

 

Lissa Lehmenkühler: „Porki – Ein Schweinchen sucht das Glück“

 

Lissa Lehmenkühler (Autor), Nina Hammerle (Illustratorin)
cbj Verlag
empfohlenes Alter: ab 4 Jahre
12,00€

 

 

„Was bist du bloß für ein Schwein!?“, ruft ihm seine Mutter zu, als das kleine Schwein Porki sich mal wieder danebenbenommen hat. Und weil Porki auf diese Frage keine Antwort weiß, macht er sich auf die Reise, um es endlich herauszufinden. Unterwegs trifft er Schweine aller Art: zum Beispiel Wolltraut, die Wollmilchsau, Pigasso, das Pinselohrschwein, oder Praline, das Trüffelschwein – und sogar eine kleine Meerjungsau! Als Porki dann auch den Schweinehund überwunden hat, merkt er endlich, was seine wahre Bestimmung ist: Er ist ein richtiges Glücksschwein! (Klappentext)

Dieses Kinderbuch ist schweinsame Spitze!

Normalerweise bringt Mama Hausschwein immer nur 12 Ferkel auf einmal zur Welt, aber Horkus-Porkus – kurz Porki – ist das 13. und somit schon von Geburt an anders. Porki unterscheidet sich von seinen zahllosen Geschwistern, zum Beispiel mag er keine Hausarbeit und er möchte auch kein Hausmeister werden. Er möchte mehr als ein normales Hausschwein sein und träumt von der großen Welt jenseits der Kleeblatthecke. Eines schlimmen Tages hält Porki es zu Hause nicht mehr aus und begibt sich in die weite Welt, um herauszufinden, was für ein Schwein er denn nun eigentlich ist. Auf seiner Reise begegnet Porki den verschiedensten Schweinen, schließt Freundschaften, erlebt Abenteuer und findet am Ende sich selbst.

Die Geschichte um das kleine Hausschwein ist sehr anrührend. Anders als alle anderen um ihn herum bricht Porki aus den vorbestimmten Grenzen seiner Familie aus und begibt sich auf die Suche nach sich selbst. Dabei ist er mutig und aufgeschlossen für alles Neue und erkennt am Ende, dass jeder etwas Besonderes – um nicht zu sagen schweinzigartig – ist, egal wie er ist. Um diese tiefgründige und lehrreiche Thematik packt die Autorin ein Konvolut aus Sprachspielereien, Wortschöpfungen, Liedern und Versen, die allesamt saumäßig witzig sind. Ich hatte ja keine Ahnung, wie viele schweinische Bezüge die deutsche Sprache hergibt und musste beim Vorlesen häufig vor Lachen innehalten.

Für Kinder ab 4 Jahre ist dieses Buch sehr zu empfehlen. Keine oberflächliche, banale Geschichte, sondern eine tiefergehende Thematik und so viele wundervolle sprachliche Überraschungen. Frau Lehmenkühler zeigt wie amüsant und meisterhaft sie mit Sprache spielen kann und unterhält damit sowohl Kinder als auch Erwachsene.

 

 

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Elisabeth Herrmann: „Zartbittertod“

 

Elisabeth Herrmann
cbj Verlag
empfohlenes Alter: ab 14 Jahre
18,00€

 

 

 

Zart wie die Liebe, bitter wie die Schuld

Mia ist in dem kleinen Chocolaterie-Geschäft ihrer Eltern aufgewachsen – mit den wunderbaren Rezepten, aber auch mit dem rätselhaften Familienfoto, auf dem ein lebensgroßes Nashorn aus Schokolade zu sehen ist, zusammen mit ihren Urgroßvater Jakob und seinem Lehrherrn. Der Lehrherr ist weiß, Jakob schwarz. Mia ist zwar bekannt, dass ihr Vorfahr als kleiner Junge aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika nach Deutschland gekommen ist. Aber warum? Und wie?

Als Mia den Nachkommen von Jakobs Lehrer unbequeme Fragen stellt, sticht sie in ein Wespennest. Liebe und Verrat, sie ziehen sich durch die Generationen, und als Mia endlich versteht, wer sie zum Schweigen bringen will, ist es fast zu spät …

Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte.

Mia entstammt einer Chocolatiersfamilie, die ein kleines Geschäft in Meißen betreibt und versucht, im Kampf gegen die marktführenden Großkonzerne mit ihren Billigprodukten nicht unterzugehen. Da ihr älterer Bruder dafür vorgesehen ist, den Familienbetrieb zu übernehmen, bleibt für Mia nur Plan B: ein Journalistik-Studium. Als Aufnahmeprüfung soll sie die Geschichte eines Fotos recherchieren. Mia entscheidet sich für das im Klappentext bereits beschriebene Familienfoto und nimmt Kontakt zu Familie Herder auf, die ein Schokoladenimperium in Lüneburg leitet.

Die Geschichte hinter der Fotografie wird schnell aufgeklärt. Mias Urgroßvater Jakob stammte ursprünglich aus Namibia und kam mit Gottlob Herder nach Deutschland, der sein Lehrherr wurde. Doch warum nahm Gottlob den kleinen, schwarzen Jungen überhaupt mit sich? Warum ruft der Name Herder in Mias Familie so viel Ablehnung hervor? Und was hat es mit Jakobs hinterlassenen Fundstücken vom Dachboden auf sich?

‚Zartbittertod‘ behandelt weniger die Herstellung feinster Pralinen. In Wahrheit rückt das Thema Schokolade zügig in den Hintergrund und bildet allenfalls eine grobe Rahmenhandlung. Vordergründig wird ein weitgehend unbeachtetes Kapitel deutscher Geschichte thematisiert. Die Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika findet im Lehrplan unserer Schulen allgemein wenig Platz. Umso positiver finde ich, dass  Elisabeth Herrmann keinen Bogen um dieses gern totgeschwiegene Kapitel macht und anhand von Tagebucheinträgen und Zitaten die Geschichte aufleben lässt. Es entsteht ein wirklich grausames Bild von Krieg, Rassenhass und Völkermord.

Mia Arnholt und Will Herder – Nachfahren zweier Zeitzeugen – ergründen ihre gemeinsame Familiengeschichte anhand von Fotos und alten, scheinbar wertlosen Erbstücken. Das Fortschreiten ihrer Nachforschungen liest sich zwar spannend, doch nicht so packend, dass das Gefühl aufkommt, man könnte das Buch nicht mal aus der Hand legen. Um die Handlung herum hat die Autorin eine Reihe von Morden und Übergriffen angesiedelt, sogar ein unheimlicher Maskenmann taucht auf. All diese Elemente steigern die Spannung zwar, doch am Ende brachte die Auflösung all dessen nicht den gewünschten Effekt. Sie ließ mich sogar eher ein bisschen enttäuscht zurück, weil sie etwas zu banal erscheint und einige Fragen offen lässt.

Insgesamt ist ‚Zartbittertod‘ eine lesenswerte Lektüre, vor allem wegen des geschichtlichen Hintergrunds und Frau Herrmanns solider Rechercheleistung. Leider zieht aufgrund dessen die Kriminalgeschichte den Kürzeren. Der Umfang der historischen Fakten überwiegt im Verhältnis zu den Krimi-Elementen. Dort hätte ich mir mehr Ausgewogenheit gewünscht. Die Charaktere sind zwar sehr vielseitig, insbesondere Will und Mia sind zwei sehr sympathische Protagonisten, obwohl ihre Handlungen nicht immer nachvollziehbar sind. Doch gerade die vielen wichtigen Nebencharaktere hätten tiefgründiger sein können, um auch der Handlung mehr Tiefgang zu verleihen.

Zum Schluss noch einen lieben Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

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